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Berlin Visit

Bei den Recherchen zu meinem Roman Quantum Suicide bin ich in einen Seitenarm geraten, der sich mit dem Alltag von Flüchtlingen an der Grenze Mexiko-USA beschäftigt. Mittlerweile ist daraus eine eigene Kurzgeschichte geworden, die ich hier zum kostenlosen Download anbiete.

In der Kurzgeschichte tauchen einige reale Akteure auf, wie zum Beispiel die Organisation Water Station, die Wasserkanister und Medizinische Notfallkits für illegale mexikanische Einwanderer bereitstellt, die Künstlergruppe Electronic Disturbance Theater, die das transborder immigrant tool entwickelt hat, und die Website Mexican Border Watch, auf der sich “aufrechte” US-Bürger zu Hilfsheriffs ernennen können um per Webcam die US-Grenze zu überwachen.

All diese Dinge sind real und geben einen Eindruck von dem Wahnsinn der sich an den Außengrenzen der USA (und in ähnlicher Form auch an den Schengen-Außengrenzen der EU) abspielt. Die Figuren Pablo, Tyler und Siara Xiao Pei sind frei erfunden und können stellvertretend für die Bauern im Spiel der globalen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse gesehen werden.

Ich hoffe die Geschichte gibt eine unterhaltsamen Einführung in die Materie. Einige Links sind clickable und können zur Vertiefung in die Realität genutzt werden.

Das pdf gibt es hier zum kostenlosen Download. Viel Spass!

Das Netz ist voll von Grass Roots Kampagnen, wildempörten CAMPACT-Click-Petitionen, Copyright-Kleinkriegen und einer unüberschaubaren Anzahl von Memen. Manchmal möchte man Pause davon machen und einen Überblick bekommen, was eigentlich wirklich los ist in der digitalen Welt.

Das brtische Magazin Mute und die Online-Version Metamute sind so etwas wie die ZEIT oder die Lettre International für linke, freiheitliche oder meinetwegen auch post-politische Netzbewohner. (Bei Mute bekommt man sowieso erstmal erklärt was so etwas wie Post-Politik überhaupt bedeuten könnte.)

Um es kurz zu machen: Mute braucht Geld. Die Autoren für 2013 müssen bezahlt werden um weiter unabhängig recherchieren und berichten zu können. Ab einem britischen Pfund ist man dabei, ab 15 Pfund winken funky Jutetaschen oder diverse Magazinausgaben. Wer etwas für fundierte und unkompromittierte Artikel tun möchte, sollte hier klicken:


Das Magazin beschäftigt sich nach eigener Aussage mit Folgendem:

(We) develop and refine key areas of analysis and coverage which help to stir up complacent thinking around politics, technology, labour, the city, art, music and everything in between.

- Es geht um die Bedingungen von Produktion in sogenannten “immateriellen Zeiten” und um die Fantasie vieler digitaler Bohèmiens auf so etwas wie “thin air” zu leben.
- Es geht um ein Leben in den engen Räumen von standardisierter Technologie, neoliberalen Institutionen und “alternativlosen” Sparzwängen.
- Es geht um eine Tiefenanalyse der kapitalistischen Krise, die keine Euro-Rettung und keine “Aufstand der Macher” verhindern wird.
- Es geht um die “kreative Ökonomie” und deren Übernahme von ehemals widerständigen Formen wie Partizipation und Selbst-Organisation.

Und um vieles mehr. Wer also keine Angst vor der englischen Sprache hat und mehr will als nur dem nächsten digitalen Trend hinterher zu laufen, der ist bei Mute richtig.

Der Aufruf der Mute-Redakteure findet sich hier.

Die Post-Culture Jamming Aktionsgruppe Zentrum für Politische Schönheit aus Berlin, setzt ihr Engagement gegen die ästhetische Ächtung von Waffenproduktion und Waffenhandel fort. Nachdem zuletzt die Mischpoke von Eignern der Saudi-Panzerschmeider Krauss-Maffei Wegmann medial unter Druck gesetzt wurde, ist jetzt das deutsche “Traditionsunternehmen” Heckler & Koch an der Reihe:

Das Zentrum für Politische Schönheit (Berlin) will denselben Sarkophag, der über Tschernobyl errichtet wurde, über die tödlichste Fabrik Deutschlands bauen, damit ihr keine weiteren “Produkte” mehr entweichen. Die “G3″ ist das zweitmeistverkaufte Gewehr der Welt – ähnliches befürchten Experten für den Nachfolger “G36″, für das der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder nach eigenem Bekunden gekämpft haben will “wie ein Löwe”. Während die Angst vor Atomreaktoren in Deutschland um sich greift, vernichten Kleinwaffen zwischen 3 und 21 Millionen Menschen weltweit – Jahr für Jahr. An vorderster Front im Einsatz sind die Waffen aus Oberndorf. Mindestens 1,5 Millionen Menschen sind bislang durch “Heckler & Koch”-Waffen gestorben, 100 Opfer kommen täglich hinzu.
Das Zentrum für Politische Schönheit präsentiert seit heute ein humanitäres Schutzkonzept unter dem Namen “Sarkophag Oberndorf: Mit Architektur Leben retten!” – In zwei Schritten soll es die Welt von der Pest der Heckler & Koch Waffen befreien:
Helikopter werden ein Sand-Blei-Gemisch über der Fabrik abwerfen, um jegliche Aktivität in der deutschen Todeszone “Oberndorf” zum Erliegen zu bringen. 25 Tonnen Sand und Blei wurden dafür bei einer Stuttgarter Baufirma bereits vorbestellt.
Im kommenden Jahr sollen dann die Fundamente am zukünftigen Sarkophag (um die Waffenfabrik herum) gegoßen werden. Spätestens 2017 soll der Sarkophag, der dem Original aus Tschernobyl täuschend ähnlich sieht, fertiggestellt sein.

Das Ganze ist wohl als provokanter Jam zu verstehen, wenn auch die semantische Verbindung zu dem Sarkophag in Tschernobyl nicht wirklich einleuchten will, zumal dessen Errichtung aus diversen (meist finanziellen) Gründen sowieso in Frage steht. Bleibt abzuwarten, was sich das Zentrum für Politische Schönheit noch einfallen lässt um diese Ente in die Medien zu bringen…

Wer das Projekt mitfinanzieren oder mehr erfahren will, kann das hier tun.

Mehr dazu siehe dieser Text

Die Fragestellung:
Die Kreativbranche boomt wie nie. Hornbebrillte Designstudenten lassen ihre Köpfe in leerstehenden Fabriketagen rauchen und gießen Club Mate nach. Die nächste Idee muss her, die Agentur wartet in der Leitung, morgen ist ein Shooting und das soziale Netzwerk muss gefüttert werden. Entstehen so neue Ideen oder reproduziert sich die Kreative Klasse nur endlos selber?

Unsere Idee:
Wir glauben: Wer den ganzen Tag Schnaps, Bier und Kaffee verkauft, Bratwürste wendet, S-Bahnen ansagt, die Fenster in fremden Wohnungen putzt oder die Berliner Infrastruktur am Laufen hält, hat die besten Ideen und auch sonst einiges zu erzählen. Was fehlt ist die richtige Gelegenheit. In diesen Pool brachliegender Ideen stolpert unser Gonzo-Journalist Jürgen Sömmering auf der Suche nach neuen Ideen.

Das Ergebnis:


[via ARTE Creative]

Schon vor längerer Zeit las ich eine Text des New Yorker Publizisten Sander mit dem Titel: Artifical Scarcity In A World Of Overproduction: An Escape That Isn’t. Dort beschäftigt sich Sander mit den Gründen für die künstliche Verknappung von immateriellen Gütern wie Patenten, Software und Musik, die u.a. durch das Copyright und Marken- bzw. Patentschutzrechte betrieben wird. Da ich mit den von Cory Doctorow in diesem Interview geäußerten Thesen übereinstimme, was die Relevanz der Copyright-Problematik im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang angeht, möchte ich die Grundzüge von Sanders Text hier wiedergeben. Der Originaltext findet sich hier.

Sander erklärt uns warum die künstliche Verknappung von – vor allem immateriellen – Gütern keine Lösung für den krisengeschüttelten Kapitalismus sei: Die Produktion von Innovation könne die Produktion von Wert nicht ersetzen.

Es sei, beginnt Sander seine Analyse, prinzipiell nicht einfach in einer Welt der Überproduktion einen Profit zu generieren. Kapitalismus sei unter den Bedingungen der Knappheit geboren worden und somit nicht in der Lage außerhalb dieser Knappheit der Güter zu funktionieren. So erscheine es nur logisch die Knappheit künstlich (wieder-)herzustellen. Aber hilft das der globalen Ökonomie aus der gegenwärtigen Zwickmühle?

Als es nur darum ging eine ökonomische Blase nach der anderen (z.B. dot.com, housing market, car industry) platzen zu sehen, sprach man davon wie man solche Blasen in Zukunft verhindern könne. Dies sei, schreibt Sander, so als wenn man nur die Hautläsionen eines AIDS-Patienten behandele, statt die Krankheit selbst. Mittlerweile sind ganze Staatsökonomien implodierende Blasen. Die spezifischen Gründe, warum mal die eine, mal die andere Blase platze, seien zwar vielfältig, erklärten aber nicht das generelle Phänomen.

Das grundlegende Problem, so Sander, sei die Notwendigkeit auf zukünftige Profite zu setzen, da die gegenwärtigen Profite den Ansprüchen der Kapitaleigner nicht mehr genügen. Die Schuldenkrise eskaliere und obwohl dies keine lineare Entwicklung sei, wisse eigentlich jeder, dass die Antikrisenrezepte der diversen Regierungen nur den totalen Zusammenbruch verhindern sollen, bis die Ökonomie umstrukturiert worden ist.

Aber wie soll die Ökonomie umstrukturiert werden? Sparmaßnahmen können das Problem nicht lösen: Komsumenten, Arbeiter, Firmen und Regierungen müssten laut Sander weniger ausgeben um künftige Zahlungen zu leisten, damit der Wert von existierendem Kapital nicht kollabiere. Gleichzeitig würden diese Sparmaßnahmen aber unweigerlich die Nachfrage einschränken und die Überkapazitäten wachsen lassen. Dadurch verringern sich die Gelegenheiten für produktives Investment. Dieser Trend treibe die Kapitaleigner wiederrum zu spekulativen Investmentformen – neue Blasen die neue ökonomische Schocks kreiieren werden. Die Regierungen würden zu einer widersprüchlichen Politik getrieben: Die Sparmaßnahmen unterminieren den Aufschwung und die spekulativen Investments für den wirtschaftlichen Aufschwung schaffen neue Schulden, die neue Sparmaßnahmen nach sich ziehen. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?


Neue Wachstumsparadigmen?

There is none, as far as I can see; at least none that avoids a steep devalorisation of capital, with devastating consequences for the reproduction of society.
Sander

Da die Warenproduzenten und ihre politischen Claqueure die Entwertung des Kapitals nicht wünschen können, haben sie Sander zufolge drei strategische Optionen:

- Sie steigern die Profite durch eine Senkung der Löhne. Dies bedeute eine Intensivierung der Globalisierung um die Arbeitskraft zu einer Ware im Überfluß zu machen. Solange es Arbeiter im Überfluß gäbe, sei dieser Weg offen, es sei denn die Arbeiter weigerten sich (Stichwort Klassenkampf) zu einer entwerteten Ware gemacht zu werden.

- Sie entledigen sich des überflüssigen konstanten und variablen Kapitals, d.h. sie schließen unnötige Fabriken, verkaufen Maschinen und entlassen Arbeiter.

- Sie erhöhen Profite durch die Erzeugung künstlicher Verknappung

Das Tao der Unterversorgung

Wie sorgt man aber für Verknappung in einer Welt der Überproduktion? Sander zitiert hier den Blogger Hugh MacLeod:

For every mid-level managing job opening up, there’s scores of people willing and able. For every company needing to hire an ad agency or design firm, there’s dozens out there, willing and able. For every person wanting to buy a new car, there’s tons of car makers and dealers out there. I could go on and on. I could also go on about how many good people I know who are caught in oversupplied markets, and how every day they wake up, feeling chilled to the bone with dread and unease. So maybe the thing is to get into ‘The Tao of Undersupply’. If only 100 people want to buy your widgets, then just make 90 widgets. If only 1000, make 900. If only 10 million, make 9 million. It isn’t rocket science, but it takes discipline.

Mehr als Disziplin, meint Sander. Das Problem mit MacLeods Strategie sei, dass Kapital jede Marktlücke füllen werde: Wenn der eine beispielsweise keine Widgets macht, macht es ein anderer, es sei denn er wird daran gehindert. Dies kann etwa durch Mechanismen geschehen die den Konkurrenten aus dem Markt halten (z.B. riesige Werbebudgets) oder durch Patente.

Eine Welt der Patente

Abseits der klassischen Mono- und Oligopolen und dem Protektionismus sei die Kommodifikation (also die warenförmige Verpackung) des Wissen die typische Strategie unsere Zeit:

When Apple recently introduced its iPad, the newness was more than a perception but the same mechanism applies. As the exclusive seller of this product, Apple is able to command a price far above what it costs to make the product in its factories in China. Nobody else can make an iPad. Its production is protected by patents.
Sander

Die Suche nach künstlich verknappbaren Gütern sei, so Sander weiter, sowohl der Grund für als auch das Ergebnis des großen Wachstums im IT- und Biotechnologiesektor und ähnlichen wissensbasierten Sektoren. Die Anmeldung von Neupatenten explodierte in den 80er-Jahren.

Intellectual Property ist das Öl des 21. Jahrhunderts!

Zwei Millionen Patente würden jedes Jahr neu angemeldet: Nutzungs-, Entwicklungs- und Verkaufsrechte für Technologie, Programme, Produkte, Recherchemethoden, Produktionsverfahren, Gerüche, Farben und sogar Genabschnitte. Dabei dauerten diese Patente im Schnitt 20 Jahre, obwohl eine Firma nur circa drei Jahre bräuchte um die Entwicklungskosten wieder einzuspielen. Wohlgemerkt seien diese Patente kein Ergebnis der Knappheit von Gütern, sondern genau das Gegenteil: Ein Mittel zur künstlichen Verknappung von Gütern.

Microsoft erklärte 2004, dass sie 3.000 neue Patente pro Jahr anmelden wollen und Toyota hat allein für den Prius 2.000 Patente. Ein klares Ziel: Kein anderer soll Hybridmotoren entwickeln ohne heftige Preise an Toyota zu zahlen.

Sander zufolge brauche es eine Armee von Researchern und Anwälte um diese künstliche Knappheit gewaltsam durchzusetzen (vgl. die Abmahnpraxis von Musikanwälten), denn diese sei unter ständiger Bedrohung: Wissen sei nunmal von Natur aus kommunikativ und vernetzt. Everything Is A Remix!


No Way Out

Im Zentrum der Ökonomie die auf künstlicher Knappheit basiert, stehe die IT-Branche. Da es fast nichts koste digitale (oder immaterielle) Güter zu reproduzieren gehe ihr Tauschwert gegen Null. Sie seien de facto im Überfluss vorhanden und müssten daher durch künstliche Einschränkungen vor einer freien Preisentwicklung geschützt werden. Das Problem sei dabei, dass die Arbeitszeit die es braucht das Produkt herzustellen immer weniger würde. Zwar sei die Produktentwicklung relativ kostspielig, aber eben nichts gegen die Herstellung von normalen Gütern. Diese Form von künstlicher Knappheit sauge den Profit aus den Taschen der Kunden ohne ihrerseits Mehrwert zu erzeugen.

Das sei natürlich fatal für die globale Ökonomie: Eine Wirtschaft die auf künstlich erzeugter Knappheit basiere funktioniere nicht in einer Parallelwelt, quasi abgekoppelt von der Krise. Der Rest der Ökonomie würde durch so eine Vorgehensweise enorm belastet. Der Profit einer künstlich verknappten Wirtschaft basiere auf der Fähigkeit der anderen Sektoren noch mehr Wert zu erzeugen.

Das dies nicht gut funktioniert, sieht man, wenn man die Zeitung aufschlägt. Die nächste Blase in diesem System ist vorprogrammiert.

Der Originaltext findet sich hier