Archive for the ‘Middle East’ Category

Tag 8 und 9: Olympos Chillin’

Sep
9

In Bayrams Tree Houses – die mehr Lodges sind als Baumhäuser – ereignet sich nicht viel. Das Hostel ist an einer von alternativen Touristen bevölkerten Lehmstrasse, inmitten der historischen Stadtruine von Olympos, gelegen, Service und Atmosphäre sind hervorragend. Man spielt Backgammon, liest Jack Kerouac, Umberto Eco und Lonely Planet, raucht Shisha und streunt durch die Ruinen von Olympos, die dramatisch schlecht erhalten sind.

Der Strand der hinter den Ruinen liegt ist unglaublich schön, die Einwohner von Antalya kommen hierher um auszuruhen und im herrlichen Wasser zu schwimmen.

Im Hostel mische ich mich in ein Gespräch über Nahost-Politik ein und verbringe den Rest des Abends mit einem Türken namens Ural, der für die Autozulieferindustrie arbeitet und in seiner Soldatenzeit kurdische Rebellen in den Bergen der Osttürkei bekämpft hat und das als Kommandant von siebzig Soldaten nach viermonatiger Grundausbildung. Er erzählt mir, dass er eine Frau aus dieser Region – die Familien leben in clanartigen Großfamilien und dienen u.a. als Wahlvieh für Recep Tayyip Erdoğan – gefragt hat wieviel Kinder sie hat. Antwort: Vier! – Frage: Wieviele davon Mädchen? – Antwort: Fünf! – Macht also insgesamt neun Kinder.

Ural ist sehr gebildet, liest ein Buch über sumerische Literatur (die erste nachgewiesene Literatur der Welt), Nietzsche, Jorge Louis Borges und hat in Cardiff studiert. Ich schwanke derweilen hin und her ob ich noch einen Tag bleiben soll, weil meine Strandgänge von ständig leichten Regenfällen begleitet sind und die Fahrt von Antalya nach Antakya sehr lang und anstrengend wird. In Antakya gibt es Shuttle-Busse nach Aleppo in Syrien über den Ban al-Hawa Grenzübergang. Bin mir allerdings noch nicht sicher ob ich in Antakya übernachten soll oder nicht…

Tag 6 und 7: Von Bodrum nach Olympos

Sep
7

In einer der Istanbuler Stadtkolumnen aus früherer Zeit ist folgende Beobachtung, beziehungweise folgende ironische Zurechtweisung, zu finden:

‘Wenn Sie als Mann auf der Strasse eine schöne Frau sehen, dann schauen Sie sie bitte weder grimmig an, as wollten Sie sie umbringen, noch gierig, sondern lächeln Sie dezent und gehen Sie Ihres Weges (1974)’

Dieser Satz sagt soviel über das Verhältnis muslimischer Männer zu Frauen aus, wie er auch ein persönliche Wahrheit enthält. Ich habe mir deswegen vorgenommen auch weniger grimmig dreinzuschauen und mir dazu einen kleinen Trick ausgedacht, da es mir von je her schwer fällt auf Kommando oder in einer angespannten Situation zu lächeln: Und zwar habe ich in den Strasse von Bodrum einen Laden gesehen, der rote Pseudo-Satinbettwäsche mit undezent aufgedrucktem Chanel-Logo verkauft. Ich habe mir dazu vorgestellt wie ein Kreuzberger Jungtürke diese Bettwäsche in seinem Kinderzimmer aufzieht und dann auf eine R’n'B, HipHop, Turkish Pop-Party geht um eine Schnalle klarzumachen und die dann so richtig MTV-mäßig zu vernaschen. Als er dann mit seiner Eroberung nach Hause kommt, öffnet er die Tür und…

Seitdem lauf ich immer mit einem dezenten Grinsen durch die Stadt und stelle mir das Gesicht des Mädchens vor.

Zurück zur Kultur: Die unübersehbare Attraktion in Bodrum ist das Castle of St. Peters, dass der deutsche Architekt und Ritter Heinrich Schlegelholt 1402 gebaut hat, u.a. weil ein Platz im Himmel für Architekten per päpstlichem Dekret gesichert war. 1522 fiel das Schloss nach mehreren heftigen Attacken des osmanische Heeres und die Kapelle wurde zur Moschee umgebaut.

Als die Türkei im ersten Weltkrieg an der Seite von Deutschland, Österreich und Bulgarien gegen die vereinigten Streitkräfte von England, Frankreich, Russland, Griechenland und Italien gekämpft hat, wurde die Burg und das türkische Viertel von den Franzosen dreimal angegriffen und bombardiert. Das französische Schlachtschiff Dupleix war am 25. Mai 1915 an der Küste von Bodrum vor Anker gegangen, da der Geheimdienst vermutet, eine Ladung Treibstoffnachschub für die deutsche U-Boot-Flotte sei hier gelagert. Das Schloß wurde von seinem Kommandanten Ibrahim Bey tapfer verteidigt und die Franzosen mussten eine schwere Niederlage einstecken.

Das Hotel Gardenya Apartements ist übrigens schwer zu empfehlen, es sei denn man mag keine Waliser aus Splott in Cardiff (’I think estate agents pronounce it Sploe’ – Ianto Jones), die lauthals ihre Text Messages am Pool verlesen, Lady Gaga hören, ständig Wasserbomben springen und sich lediglich durch ihren Dickheitsgrad voneinander unterscheiden.

Auf der heutigen Fahrt von Bodrum nach Antalya habe ich einen well-educated jungen Türken kennengelernt, der Computer Science in Antalya studiert. Von seiner Heiligenverehrung für Kemal Atatürk und nach recht unnationalistischen Strategien zur Entwicklung der Türkei (’I would hand Turkey over to Japan, without any conciding’) kamen wir zu einigen vernünftigen Gedanken, was den Osten der Türkei angeht. Er hat mir nachdrücklich dazu geraten nicht weiter als Gaziantep zu reisen, da im Osten das Militär und (islamische) Terroristen sich einen heftigen Fight liefern, mehr als 1000 Militärs seien bereits gestorben und Lehrer und Ingenieure die dorthin versetzt wurden, seien auch tot.

Seine Glaubwürdigkeit verlor der Junge, als er Hitler als großartigen Visionär (’… just like Atatürk’) bezeichnete und andeutet, die Juden hätten den Holocaust fingiert um Israel gründen zu können. Leider konnte ich aus gebotener Vorsicht nicht allzu heftig widersprechen, da ich meine Mitreisenden plötzlich nicht mehr einschätzen konnte. Wir gerieten dann wieder auf unverfängliches Terrain, als er mir erklärte wie man die Internetzensur in der Türkei umgehen kann… Spooky, indeed…

In Antalya bin ich dann per Minibus in das Traveller-Ghetto in Olympos gefahren, das heisst, eigentlich wurde ich an einem Roadhouse rausgeschmissen und netterweise von einem Türken und seiner ukrainischen Freundin im Auto mitgenommen. Auch er hat mich eindringlich vor einer Reise weiter als Gaziantep gewarnt und seine Bedenken sind registriert. Jetzt sitze ich bei einer Flasche Efes inmitten von Hippies, wohne in einem Treehouse und mir geht es gut…

Tag 4 und 5: Busfahrt, Bodrum und Pool

Sep
5

‘Keine Panik, das wird sich schon alles irgendwie regeln!’ Für diesen Satz meiner inneren Stimme hasse ich mich jedesmal, wenn ich völlig durchgeschwitzt und mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken in Kairo, Amman, Jerusalem oder wie gestern am Taksim Square herumgeirrt bin. Kein Varan Office weit und breit und nur noch eine Stunde Zeit. Gerade noch rechtzeitig stolperte ich dank eines rettenden Hinweises in das Büro des Busunternehmens und das alles auf Basis einer für mich unlesbaren türkischen Confirmation Mail. Auf geht’s also, eine dreizehnstündige Busfahrt nach Bodrum erwartet mich…

‘Welcome To Asia’ steht ganz unscheinbar auf einem gelben Schild, als wir die mächtige Bosporus-Brücke überquert haben. Eine rein geografische Grenze, die mich zu der Frage bringt ob die Architekten der Brücke eigentlich den Kontinentaldrift berücksichtigt haben, damit sich der Beton auf Dauer nicht verzieht oder spielt die Plattentektonik bei der Lebensdauer von so einer Brücke keine Rolle?

Genau wie der der afrikanische Kontinent geografisch erst nach dem Atlasgebirge beginnt, die kulturellen Einflüsse aber schon viel früher spürbar werden, ist die Kontinentalüberquerung in Istanbul nur noch geologische Formalität.

Als letzte Bemerkung zu Istanbul – bevor ich die Stadt verlasse – sei angefügt, dass die Stadt vor streunenden Hunden geradezu überquillt, wozu ich folgende Bemerkung eines Stadtkolumnisten gefunden habe:

‘Es wurde ein Versuch gemacht, mit der Hundeplage fertig zu werden. Wenn man nur ein, zwei Tage länger durchgehalten und die Tiere tatsächlich alle auf der Insel Hayirsiz ausgesetzt hätte, wäre die Stadt vollständig von den streunenden Rudeln befreit worden. So aber knurrt es schon wieder an allen Ecken und Enden’ (1911)

… bis heute!

Zu Bodrum ist nich viel zu sagen, es ist hassle-free, wunderschön und trotz der touristischen Vollerschließung von einem unverwechselbaren Charme. Hier werde ich zwei Tage ausruhen und mich danach langsam aber sicher der syrischen Grenze nähern…

Tag 2 und 3: Bosporus, çok güzel!

Sep
3

Um die berühmten Yalis an den Ufern des Bosporus zu sehen, bin ich gestern ab Eminönü mit der Eminönü-Kavaklar Bogazici Özel Gezi Seferli bis nach Anadolu gefahren.

Die meisten der Holzpalais und Yalis, die einst den Osmanenpaschas gehörten, wurden von den Nachfahren der Osmanen Zimmer für Zimmer vermietet, verwahrlosten langsam und wurden vor Kälte und Feuchtigkeit immer schwärzer. Einige brannten ab und die neuenstehende Bourgeosie Istanbuls zog, laut Orhan Pamuk, lieber in den Etagenwohnungen am Taksim Square.

Ähnlich wie Pamuk hat mich der Flair des Bosporus sofort erwischt und fast eine Stunde lang habe ich an der Festung in Anadolu Kavagi gesessen und die Frachtschiffe beobachet die sich gravitätisch ins Schwarze Meer zerstreuen, dazwischen zappeln hektisch die kleinen Boote der Küstenwache. Auf nach Rumänien, Bulgarien oder in die kalten Gefilde, zu den ‘No-Name-Ländern (Klaus-Dieter Kunz) Georgien und Ukraine deren politische Komplexität drohend in der Luft zu schweben scheint, was von der leichten Präsenz von Militärs noch unterstrichen wird.

Der anschliessende Rundgang in der Gegend um den Taksim Square, das Jonglieren mit den drei verschiedenen Arten Jetons für Fähre, Tram und die Miniseilbahn nach Kabatas und die Hitze haben mich so mürbe gemacht, dass ich den Rest des Abends nur noch mit meiner Blogsoftware gekämpft habe.

Auch heute hat mich die Stadthitze nach dem Kauf einer neuen Tasche auf den Bosporus und zu den Princes’ Island (Adalar) getrieben. Für meine neue Tasche sollten drei Regeln gelten: Kein offensichtlicher (gefälschter) Markenname, nicht teurer als 8 Euro und irgendwie stylish. Ich denke ich habe ein gute Wahl getroffen. Auf der Insel Büyükada habe ich mich dann unter die türkischen Sommerfrischler gemischt und mir die Sonne auf den Pelz braten lassen.

Während Rückfahrt mit Sonnenuntergang über dem Bosporus habe ich dann verstanden, was Orhan Pamuk meint, wenn er von den schwarzen Wassern des Bosporus spricht, denn der Anblick Istanbuls vor den pechschwarzen Wellen ist zum Dahinschmelzen.

Um jetzt nicht in Voxtoursstimmung zu verfallen, gibt es noch ein Bonusbild, die türkische Version von Ken Keseys Bestseller…, na?

Tag 1: Sultanahmet for Runaways

Sep
1

Einen Airport-Pickup vom Hostel kann man sich sparen, dachte ich, denn vor dem Flughafen steht doch immer ein Shuttle-Bus rum, der zum Taksim Square fährt. Ist auch so, kostet nur 12 YTL und ist sogar recht schnell. Dass man vom Taksim Square um vier Uhr nachts keinen Bus mehr findet, hatte ich mir auch gedacht und Lonely Planet beruhigt mit den sanften Worten

From Sultanahmet to Taksim costs around €4 … sie haben den Zusatz vergessen: … if Galata Bridge is closed due to mysterious whereabouts it can cost up to 60 YTL and the czech traveller you may have shared your taxi with will go definitely mad and the formerly nice taxi driver will drop you in the middle of Divan Yolu Caddesi…

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Und von dort stolperte ich dann ohne Karte und genaue Adresse auf eine Polizeiwache zu, die ihre Übersichtskarte eigens für mich illuminierte. Und so kam es, dass ich mit einem schwerbewaffneten Polizisten – er die MP, ich den Laptop im Anschlag – freundlich über Google Maps parlierte. Die Beschreibung des Beamten war so comprehensive, dass ich dann auch um sechs Uhr morgens vor dem recht empfehlenswerten Eurasia Hostel stand.

In der Blue Mosque wurde mir eine Broschüre vom Mufti-Amt Istanbul ausgehändigt, auf der den Touristen der Islam, der Prophet Mohammed und die fünf Säulen der Religion nähergebracht werden sollen. Dort steht neben dem verblüffenden Hinweis, dass Mohammed sich für die Rechte der Frauen eingesetzt hat, folgender Satz:

Nie brach er ein Gebot Gottes. Wenn es ihm frei stand, zwischen zwei Wegen zu wählen, die beide dem Willen Gottes entsprachen, entschied er sich immer für den einfacheren. Er unterstütze seine Frauen im Haushalt, indem er ihnen dabei half zu kochen und aufzuräumen.

Es würde m.E. auch im Westen mehr Klarheit zwischen den Geschlechtern herrschen, wenn man nur wüsste was denn hier der schwierigere Weg war? Ich werde mir morgen nochmal die englische Übersetzung der Broschüre besorgen um etwas Klarheit zu gewinnen.

Bezüglich der Aya Sofya, der Blue Mosque und der Basilika Cistern verweise ich auf die einschlägigen Reiseführer, ich habe sowieso schon Schwierigkeiten die Voxtours-Sprecherstimme in meinem Kopf abzuschalten.

Wer auf hochqualitative Markenkleidung und gute Verarbeitung Wert legt, für den ist der Grand Bazaar garantiert nicht die richtige Adresse: D&G, Ed Hardy, Bjorn Borg und Armani-Rip-Offs wohin das Auge reicht und dazu der begleitende Kommentar: ‘This is the real stuff, the other shop is fake.’ Wobei ich weder den Wahrheitsgehalt dieser Aussage noch die Qualität der übrigen angebotenen Stoffe, Süsswaren, Schmuckstücke und Antiquitäten beurteilen kann.

Abends wird es hier sehr schnell dunkel und richtig kühl, deshalb gehts heute früh ins Bett um morgen früh die erste Bosporus-Fähre zu erwischen…