Archive for the ‘Lit Bloggin'’ Category

Shawn Austin – Extinguisher – Das vierte Kapitel

Mär
22

4. Kapitel: Brian Wilson

Das Letzte an das Shawn sich erinnern konnte, war ein Gefühl als ob sich sein Gehirn wie ein altmodischer Fernseher ausgeschaltet hätte. Für einige Sekunden glühte die Kathode noch nach und auf dem Schirm raste der grün schimmernde Elektronenstrahl in sinnloser Hektik auf einem kleinen Spot hin und her. Dann blieb nur noch metallisch-graue Leere.

Jetzt spürte er heftige kurze Schmerzen in seinem Schädel und sein innerer Receiver schaltete von zufallsverteiltem Schneegestöber auf einen belegten Kanal. Über ihn gebeugt stand Robert „Bob“ Palewski, sein Trainer, und schlug ihn mit der flachen Hand ins Gesicht. „Was für einen Scheiß die um diese Zeit senden“, dachte Shawn verwirrt und hob abwehrend die Hand. „Wach auf du Pflaume. Oh Mann, ich habe mein ganzes Geld auf dich gesetzt und du lässt dich von diesem Zombie umnieten bevor der erste Tisch geflogen ist.“ Shawn erhob sich instinktiv um zur Fernbedienung zu greifen und den Kanal zu wechseln. Bob griff seine ausgestreckte Hand und schüttelte seinen Oberkörper wild hin und her. „Hallo? Was ist los mit dir?“ In Shawns Bewusstsein begannen die Kathoden sich langsam zu erhitzen, Elektronen zu emittieren und die Ablenkeinheit nahm ihre Arbeit wieder auf.

Was war passiert? Brian Wilson hatte ihm, mit einem Polizeischlagstock in der Hand und in einem fort ständig „Nimm dies, Manson!“ brüllend, in einem Seitengang zwischen Sparringsraum und Wrestling Arena aufgelauert und ihn niedergeschlagen. „Damit hätte ja auch niemand rechnen können!“, bellte er Bob an. „Ach nein?“, entgegnete dieser sarkastisch, „Natürlich nicht, sonst hätte ich ja auch keine zwei Hunderter auf dich gesetzt!

Weißt du was ich am seltsamsten fand…?“, entgegnete Shawn ohne auf Bobs merkwürdigen Einwand zu reagieren, „Er trug ein Patchwork-Oberteil aus mit Nägeln besetzten Chromplaketten, das nahtlos in eine Schädelkappe aus demselben Material überging.“ – „Wer? Heel Raven?“ –
Nein, Brian Wilson. Ich glaube die Drogenexzesse in den Siebzigern haben ihm noch stärker zugesetzt als die Meisten glauben.“ Besorgt musterte Bob seinen Schützling. „Oh Mann! Scheinbar hat es dich doch schwerer erwischt als ich angenommen hatte.“ – „Er hat ohne Unterlass mit diesem Bullenschlagstock auf mich eingedroschen. Mann, ich werde nie wieder diese verdammten Beach Boys hören können.“

Bob erhob sich von dem unbequemen Plastikstuhl auf dem er zuvor erschöpft Platz genommen hatte, und ging zwischen dem, unter leeren Jack-Daniels- und Pepto-Bismol-Flaschen begrabenen, Waschbecken mit dem beinahe blinden Aluminiumspiegel und der Holzliege auf der Shawn wie hingerotzt auf dem Rücken lag, hin und her. „Scheint du hast eine semiotische Hallu gehabt.“ „Eine was?“, Shawn war sich sicher nach Bobs letztem Satz Tonbandgelächter gehört zu haben.

Na ja, eine semiotische Halluzination. Seit Typen wie dieser Greil Marcus in unserer popkulturellen Vergangenheit herumrühren kommt so was vor. Marilyn Monroe, Elvis, Aliens, Jim Morrison. Alle diese Geschichten von Zombiebegegnungen sind in eine postmoderne Bildwelt eingebettet, von der unsere Kultur durchdrungen ist. Das sind semiotische Phantome aus dem mehr oder weniger tief verwurzelten Gedankengut unserer Kultur. Irgendwie hat da eine von den Retro-Shows die du dir immer reinziehst ein Eigenleben entwickelt. Fragt sich nur auf was ausgerechnet Brian Wilson, der im Übrigen noch sehr lebendig ist, verweisen soll.

Shawn Austin – Extinguisher – Das dritte Kapitel

Mär
21

3. Kapitel: Shawn Austin

Sehr viele Biere und einige Tequilas später hatte Felix von einem redseligen und spendierfreudigen Mann in einem mittelklassigen schwarzen Anzug erfahren, dass es sich bei dieser Veranstaltung um ein Dark Match einer zweitklassigen Wrestlingliga handele und dass es nachher noch mit Canned Heat aufgepeppt werden würde. „Sonst guckt sich den Mist doch keine Sau an“.

Nach einigem Nachfragen klärte ihn der verwunderte Mann auf: „Das Match wird hier vor zahlendem Publikum aufgezeichnet, später mit Konservenbeifall und -buhrufen zusammengeschnitten und auf irgendeinem Kabelkanal ausgestrahlt.“ Offenbar standen die Gewinner von Wrestling-Fehden schon im Vorhinein fest und waren den Smarts, also den Leuten die über genügend Insiderwissen verfügen, bereits bekannt. Felix fragte sich verwundert was wohl der Sinn einer Sportart war, bei der ein vorgefertigtes Drehbuch über den Ausgang des Kampfes entschied. Diese Vorgehensweise konnte nur erfolgreich sein, solange es genügend Menschen gab die den Ausgang des Matches nicht kannten. War nämlich die Wahrscheinlichkeit dass Spieler 1 gewinnt, also p(Gewinn1), gleich eins, resultierte daraus ein mittlerer Informationsgehalt H der nach

H = -∑ p(gewinn1) ld p(gewinn1)

gleich Null war. Der mittlere Informationsgehalt, in Anlehnung an die Thermodynamik auch Entropie genannt, wäre also minimal. Die Entropie wiederum drückte den Ordnungsgrad eines Systems aus. Ordnung war definiert als ein Mangel an Zufälligkeit. Niedrige Entropie bezeichnete einen hohen Ordnungsgrad und hohe Entropie einen niedrigen Ordnungsgrad (also Chaos). Für einen Smart befand sich ein Wrestlingmatch also in einem perfekten Ordnungszustand. Nicht so für Felix, den die Hardcore-Fans als einen Mark bezeichnen würden, jemanden der Wrestlingmatches für echt hält oder über so gut wie kein Insiderwissen verfügte. Offenbar waren aber die meisten Fans Marks, ansonsten würde die Austragung eines Matches ja völlig redundant sein.

Während Felix dieser längst vergessen geglaubte informationstheoretische Wirrwarr aus seinem Studium im Kopf herumschwirrte, schien ein neues Match zu beginnen. „Meine Damen und Herren ich bitte um ihre Aufmerksamkeit für ein TLC Match. Ja sie haben richtig gehört, heute wird ein Green Boy aus dem Roster von Bob Williams gegen den bekannten Heel Raven in einem TLC Match antreten. Meine Damen und Herren in der linken Ecke: mit einem lächerlichen Gewicht von 160 Pfund: Shawn Austin!“ Felix neuer Freund erklärte ihm hastig, dass ein TLC Match ein Kampf war, in dem ein Tisch, eine Leiter und ein Stuhl als Waffen erlaubt waren.

Der Wrestler der den Namen Shawn Austin trug, sah aus als fühlte er sich äußerst unwohl in dem rosafarbenen Catch-Outfit in das man ihn gesteckt hatte. Auf der Videoleinwand konnte Felix das nette Brady-Bunch-Gesicht erkennen, das unglücklich aussah und so gar nicht zu einem Wrestling-Star passen wollte. Er erinnerte sich an eine alte Sledge-Hammer-Folge in der Sledge zu einem griesgrämigen Amish-Väterchen sagte: „Hab ich ihr Gesicht nicht schon mal auf einer Haferflockenpackung gesehen?

Meine Damen und Herren: Shawn Austin – The Extinguisher“, unterbrach der knöcherne Ansager Felix Gedankengang. Eine rotierendes Blaulicht und der tosende Lärm dutzender Fanhupen leiteten das Match ein. Der gegnerische Wrestler rannte auf den verwunderten Shawn zu, der noch nicht realisiert zu haben schien dass er sich in einem Ring befand, schlug ihn mit einer Clothline zu Boden und nahm dessen Kopf zwischen die Beine. „Unglaublich, ihr blutrünstigen Arschlöcher, es scheint so als ob Heel Raven zu einem Piledriver ansetzt. Das ist der schiere Wahnsinn!“ Jetzt griff Raven unter den Bauch seines Gegners, zog ihn hoch, so dass Shawn auf dem Kopf stand und ließ sich nach hinten fallen während Shawns Kopf auf seinen Oberschenkeln liegen blieb. Auf der Videowand konnte Felix erkennen wie Shawn die Augen verdrehte und Blut aus seiner Nase auf sein bonbonfarbenes Outfit lief. Das gab ihm den Rest. Hastig nahm er einen letzten Schluck aus seiner Longneck-Flasche und verließ unter dem allgemeinen Gebrüll „Mark’s Wrestling Bar“. „Das also war mein actiongeladener Allnighter“, dachte Felix verdrossen, aß noch einen pappigen Cheeseburger, erbrach ihn auf der Toilette der Fast-Food-Filiale und machte sich auf den Weg nach Hause.

Shawn Austin – Extinguisher – Das zweite Kapitel

Mär
20

2. Kapitel: Jonny Stamboli vs. Vinnie Valentino

…und wurde über alle üblen Erwartungen hinaus überrascht. Man hatte doch tatsächlich die gute alte Tradition der Rundennummern schwingenden Playmates beibehalten und abgehalfterte Ex-Soap-Darstellerinnen trugen cellophanbespannte Tafeln durch den Ring. Felix irritierte nicht die übliche spermageladene, aggressive Stimmung der zwischen Industrieschweißern und Bankkaufleuten oszillierenden Klientel, sondern der eher überraschend hohe Anteil an „New Economy“-Männern, die sich doch eigentlich in einer Phantasmagorie zwischen Stretch-Limos und Edelprostituierten bewegen sollten. Und nicht in einem zweitklassigen Boxclub. Aber irgend so etwas musste das ja schon sein was sich diese vermeintlichen Gewinnertypen leisten können. Hauptsache immer die Illusion haben, dass man den eigenen Marketing- und Werbehalluzinationen nicht hinterherhinkte. Die diffusen Glücksversprechungen die diese Lifestylisten rund um die Uhr durch alle Kanäle hinauspusteten gehörten ja zum Wesen des Kapitalismus. Wer würde sich schon 40-50 Stunden in der Woche zum Lohnsklaven machen lassen, wenn er nicht in irgendeiner Traumwelt lebte?

Außerdem mussten die Kommunikationskanäle ja mit irgendeiner Botschaft gefüllt werden. Auf einer Informationsveranstaltung der Gesellschaft für Rundfunkentwicklung hatte mal ein eifriger Alt-Ingenieur die versponnenen Pläne der Programmredaktion erläutert: Man müsse über das bahnbrechende MXF-Format gewährleisten, dass zukünftig alle Media-Inhalte über Palmtop, Handy, Internet, Videotext, Multimedia-Kioske und Television den Kunden erreichen. Welche Inhalte den Medienkonsumente denn überhaupt so dringend erreichen müssen verschwieg der Technikpionier. Ist erstmal der Kanal erschaffen wird auch die Nachricht folgen. Forward Ever! Backward Never! Mayday! The Judgement Day!

Was fordert aber ein offener und leerer Kanal, geschaffen von positivistischen Technokraten? Genau! Content! Content um jeden Preis um der Entropie entgegenzuarbeiten. Und genau aus diesem Grund gab es Veranstaltungen von solch erstaunlich existentieller Leere wie diese Wrestling-Veranstaltung, auf der Felix nun gelandet war.

In dem speckigen blauen Boxring, der Wrestling Arena, kämpften gerade zwei Paradiesvögel gegeneinander, die der Leuchttafel zufolge Vinnie Valentino und Jonny Stamboli hießen. Ein verhärmter, schlaksiger Mann schrie dazu unentwegt auf ein altmodisches Kondensatormikrofon ein: „Stamboli beginnt das Match mit einem schönen Superplex über das oberste Seil!“ Einer der beiden Wrestler setzte seinen Gegner auf das oberste Seil des Rings, steckte dessen Kopf unter seinen Arm, stemmte ihn vertikal hoch so dass dieser kerzengrade in der Luft stand und ließ sich selber nach hinten fallen. Der gegnerische Wrestler landete unsanft auf seinem Rücken. „Es scheint als dominiere Jonny das Match bisher ohne große Gegenwehr. Valentino wagt ein paar schwache Punches. Stamboli rächt sich dafür mit ein paar Clothlines.“ Der Wrestler, der sich wohl Jonny Stamboli nannte, rannte nun mit zur Seite ausgestrecktem Arm auf seinen Gegner zu. Für einen Moment sah es so aus als ob er ihn mit dem Arm am Hals getroffen hätte, doch anscheinend hatte er lediglich den Brustkasten getroffen. Er wiederholte diese Aktion noch zweimal, bis sein Gegner am Boden liegen blieb. „Der Ringrichter zählt einen Two Count. Doch was ist das? Valentino erhebt sich und rächt sich bei Jonny Stamboli mit einem Single-Leg Slam. Stamboli liegt auf dem Boden und was ist das? Valentino setzt zu einem Achilles Tendon Hold an und führt ihn tighter aus als nötig ist.“

Nachdem sich der Kämpfer, bei dem es sich offenbar um Vinnie Valentino handelte, wieder vom Boden erhoben hatte, packte er seinen Gegner bei den Schultern, stellte ein Bein hinter ihm auf und brachte ihn so zu Fall. Danach schmiss er sich selber zu Boden, griff das Bein des am Boden liegenden Wrestlers, wickelte sein gegenüberliegendes Bein darum und spannte seine Oberschenkelmuskeln an. Dann nahm er den Fuß des stöhnenden Kämpfers unter seinen Arm und verdrehte dessen Achillessehne. Felix sah verstört weg. Die Stimme des Kommentators überschlug sich: „Das war wohl das aus für Jonny Stamboli. Vinnie Valentino hält ihn mit den Schultern auf der Matte. Count! One! Two! Three! Der Gewinner des zweiten Matches heißt: Vinnie Valentino!“

Das Publikum, das zuvor lautstark den Countdown des Ringrichters mitgebrüllt hatte, johlte vor Freude. Nur ein paar vereinzelte Missfallsbekundungen von Leuten, die anscheinend zu den Fans von Jonny Stamboli gehörten, waren zu hören: „Der ist doch auf Gas!“, „Das war ein abgekartetes Spiel, ein Scheiß B-Show Angle!“. Felix wunderte sich wie viel Energie die begeisterten Fans dem Erlernen des einschlägigen Fachjargons widmeten, schienen sie doch sonst größtenteils zu den Menschen zu gehören die einem sofort Blasiertheit oder Arroganz vorwarfen, wenn man mal ein weniger bekanntes Adjektiv benutzte. Verstand man aber das Kauderwelsch dieser rotgesichtigen Steroid-Freaks nicht, wurde man vermutlich sofort des Saales verwiesen. Ihm wurde etwas unwohl zumute und er besorgte sich ein Bier an der spärlich beleuchteten Bar.

Shawn Austin – Extinguisher – Das erste Kapitel

Mär
19

In der Hoffnung durch den Druck der bloglesenden Peer-Group endlich wieder an meinem Jahrhundertroman weiterzuschreiben veröffentliche ich EXKLUSIV auf Readin’ & Bloggin’ die ersten Kapitel des atemporalen Romans Shawn Austin – Extinguisher, beginnend mit dem ersten Kapitel. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, gar mir selbst oder meinen Freunden, sind rein zufällig.

1. Kapitel: Mark’s Wrestling Bar

Felix beobachtete die Spiegelungen im Panoramafenster des U-Bahn-Wagons. Durch seinen verwirrten Kopf schossen lose assoziierte Gedankenfetzen. Warum prallen die Photonen nur von der Scheibe ab, wenn es dahinter dunkel ist? Warum gibt es überhaupt Fensterscheiben von so beträchtlicher Größe in einer U-Bahn, wo es doch die meiste Zeit rein gar nichts zu sehen gab? War Glas etwa billiger als das Blechmaterial aus dem der Rest der Wagons bestand? Oder steckte die Werbeindustrie dahinter, die sicherstellen wollte dass die Plakate an den Haltestellen auch von den Fahrgästen wahrgenommen wurden?

Im Fenster spiegelten sich die Gesichter der üblichen U-Bahn-Klientel. Blass-fahle Neongespenster, den Blick ins Unendliche fokussiert, die Mundwinkel mit verbissenen Lippen leicht nach unten gekräuselt. Menschen die wohl an ihr Leben nach der U-Bahnfahrt dachten, ein Leben das sie als glücklich antizipierten. Menschen taten dies ständig. Während sie ein Zwölftel ihres Tages in öffentlichen Verkehrsmitteln verbrachten, üblicherweise vier Zwölftel in ihrer Arbeitsstelle und mindestens drei Zwölftel mit schlafen, träumten sie davon was sie mit dem restlichen Drittel des Tages anstellen würden. Freilich ging von diesem Drittel noch die Zeit für das Besorgen und Einnehmen von Nahrung, die Körperpflege und die versuchte Anbahnung von Geschlechtsverkehr ab. Blieben im Idealfall noch vier Stunden um die Welt zu verändern.

„Der Sprung in einen kühlen See nach acht Stunden Arbeit gehört auf jeden Fall auf die Liste der Dinge die die Welt verändern können“, hatte Marek gesagt, als sie heute nach der Arbeit mit dem Auto zum See gefahren waren. Tamara aus der schicken Werbeagentur, Marek, ein Literaturwissenschaftler mit Wirtschaftsambitionen, und Felix der notorisch unerfolgreiche Freiberufler. Auf dem Weg zurück in die Stadt war das Gespräch der bereits alkoholisierten Männer auf das leidige Thema Politik gekommen. Felix vermied normalerweise solche Diskussionen da ihm das Meinungseinerlei der von den einschlägigen Infotainment-Sendungen gespeisten Realos gehörig auf den Sack ging. Wie hatte das Foucault genannt? Ach ja, Diskurs! Nun, dann war der Diskurs der meisten seiner Freunde und Kollegen die sich überhaupt für Politik interessierten klar abgesteckt: Erhaltung der Standortvorteile durch Opfergaben an die Wirtschaft, ein gesundes Misstrauen gegen im Lande arbeitende Ausländer gepaart mit einem dazu umgekehrt proportional hohem Interesse an deren „Kultur und Tradition“ und die wahnhafte Illusion durch Mülltrennung, atmosfair und Abschaffung der Atomkraft in 25 Jahren so etwas wie ein ökologisches Bewusstsein zu besitzen.

So hatte Marek auch diesmal tatsächlich argumentiert, man solle vor rechten und linken Gruppierungen auf der Hut sein, es sei eigentlich immer so, das die Extreme nicht gut für die Menschen seien. „Genau“, hatte Tamara begeistert entgegnet, „der Mittelweg ist eigentlich immer das Beste für alle!“ Spätestens hier hatte Felix auch diesmal das Interesse an der Diskussion verloren. Wie konnte es sein, dass überdurchschnittlich gebildete Menschen immer zu solchen Kindergarten-Hegelianern mutierten, als hätte es Marx, Nietzsche oder den ollen Adorno nie gegeben. Na klar! These und Antithese werden zur Synthese vereint, wobei der geschichtliche Zusammenhang natürlich berücksichtigt werden muss. In den Augen dieser Realos konnte man doch tatsächlich rechte Herrenmenschen- und Volksideologie, Hurra-Patriotismus und dumpfen Pathos aufrechnen gegen die Verbrechen Stalins, die chinesische Kulturrevolution und Pol Pot und heraus kam der demokratische Bundesstaat mit glücklichen Bürgern. Für Felix war das linke Denken immer sehr unscharf definiert gewesen. Ein Aufbegehren gegen verhärtete und unterdrückende Strukturen, eine Abneigung gegen Arbeitsethos und neoliberale Wachstumslogik.

„Am Rande jedes gesellschaftlichen Systems existieren Menschen die auf das Ende dieses Systems warten. Es sind autonome Subjekte die ohne die permanente Revolution nicht leben können. Ist ein System zerschmettert und wird durch ein neues abgelöst folgt nach einer kurzen Phase der Euphorie die alte Stagnation.“ Felix war ein solches Subjekt. Zumindest dachte er es in den wenigen Stunden des Tages, die er nicht damit zubrachte für TV-Produktionen oder Technologie-Riesen zu arbeiten. Adorno hatte mal sinngemäß geschrieben das jeder Vater seinen Sohn des Müßiggangs verdächtige und sich darauf verließe, dass das ‘wirkliche Leben’ mit dem Zwang zum Broterwerb ihm solcherlei Flausen austreiben würde.

Irgendwie schien es geknechteten Menschen eine diebische Freude zu bereiten andere Menschen ihrer Utopien zu berauben. Churchill musste ähnliches im Sinne gehabt haben als er sein berühmtes Bonmot verkündete, wer mit Zwanzig kein Sozialist sei habe kein Herz, wer es mit Dreißig aber immer noch sei habe kein Hirn. Er meinte wohl statt Hirn eher ein Faible für gute Zigarren, eine große Villa und Verwicklungen in diverse schmierige Geschäfte.

Die U-Bahn hielt heulend an der Station an der Felix aussteigen musste. In diese Gegend, ein Vergnügungsviertel welches einem zentralen Banken- und Versicherungsghetto vorgelagert war, verkehrte Felix nicht häufig. Heute aber hatte ausgerechnet Felix ausgerechnet von seinem Kreditinstitut einen „actiongelanden Allnighter“ in der Aktion „Junges Geschäftskonto“ gewonnen. Offenbar schien sich der PR-Berater des Kreditinstitutes weder körperlich noch geistig aus seiner AfterWork- und Caipirinha-Welt fortbewegen zu können und hatte in der branchenüblichen Arroganz beschlossen dass sich jeder junge Mensch auf jeden Fall und ausschließlich in diesem Mini-Las-Vegas amüsieren müsste. Auf dem Programm standen ein Wrestling-Adventure, ein All-You-Can-Drink-Ticket für alle Bars einer großen Kette und ein Fast-Food-Menü. Alles für EINE Person! „Dann bringen wir es mal hinter uns“, knurrte Felix und betrat die, natürlich mit sinnloser Apostrophierung versehene, Leuchtstoffröhrenhölle „Mark’s Wrestling Bar“.

Tag 3: Joseph Conrad – Jugend (p.42-55)

Okt
30

In alter Seemannsmanier bleibt die Mannschaft auf dem havarierten Schiff und versucht soviel wie möglich von der Ausrüstung des Schiffes zu retten – ‘zur Entlastung des Versicherers‘. Ich weiß nicht ob Conrad die Ehre gebührt als Erster die banale ökonomische Realität der Seeschifffahrt in einer Abenteuergeschiche erwähnt zu haben, aber aus diesem Fakt ein weiteres Abenteuer zu generieren, dies ist ziemlich sicher ein Beweis seiner Virtuosität. Dem Ich-Erzähler wird um ein Haar ein altes Barometer ‘mit einer absurden Menge von Schrauben befestigt‘ zum Verhängnis und der Kapitän ‘wollte ein altes Stück Kette und einen Treibanker mit ins Langboot nehmen. Wir sagten freundlich >Aye, aye, Sir<, und wenn er nicht hinsah, beförderten wir das Zeug über Bord.

Während die Mannschaft im Langboot alles zum Aufbruch klarmacht um dem brennenden Schiff zu entkommen legt sich der Kapitän an Deck auf einer Couch zum Schlafen nieder und die anderen halten ein Picknick mit Starkbier. ‘Die letzte Mahlzeit an Bord‘, anscheinend eine Cousine der Henkersmahlzeit. Auf Drängen des Ich-Erzählers erheben sich schliesslich alle schwerfällig aus der lebensgefährlichen Lethargie und drei Rettungsboote legen ab. Unter seinem Kommando befinden sich ‘eine Tüte Zwieback, ein paar Dosen Fleisch und ein kleines Fass Wasser‘ sowie zwei Männer. Weil der junge Mann aber sein erstes Kommando für sich allein haben will – ‘Jugend! Allmächtige Jugend! Alberne, bezaubernde, herrliche Jugend.‘ – nutzt er nicht nur einen schweren Regenschauer um den anderen davonzusegeln, sondern ignoriert auch noch die Mastspitzen eines rettenden Schiffs in Richtung Europa. Er schwelgt in Gedanken an das ‘wunderbare Bewusstsein der Stärke‘ und die ‘Glut im Herzen, die mit jedem Jahr schwächer glimmt‘, während seine kleine Mannschaft fast krepiert.

Das Schiff stösst schliesslich an eine Mole und der Ich-Erzähler hat zum ersten Mal in seinem Leben Ostindien erreicht. Drei Stunden später trifft das Boot des Kapitäns ein, dicht gefolgt vom dritten Boot. Es folgt noch eine Bonusepisode mit einem Dampferkapitän, die nicht sonderlich zum Gehalt der Erzählung beiträgt, sondern lediglich als eine Art dialektischer Puffer agiert, bevor der Ich-Erzähler zum ersten Mal den Osten bei Tag sieht und bestaunt: ‘den weiten Bogen der Bucht, den glitzernden Sand, die unendliche Vielfalt des üppigen Grüns, das Meer so blau wie das Meer unserer Träume, all die gespannten Gesichter, das Flirren der Farben‘.

So endet die Episode die Marlow den Männern am Mahagonitisch erzählt und dieser versetzt abschliessend: ‘Bei allem, was wunderbar ist – es ist die See, denke ich, die See selbst – oder ist es die Jugend allein? Wer kann das sagen? Ihr hier – ihr habt etwas vom Leben bekommen (…), aber sagt, war das nicht eure beste Zeit, die Zeit, als wir jung und auf See waren (…) ist es nicht das, dem ihr alle nachtrauert?

Joseph Conrad schrammt hier nur um einen Handbreit an einer postmodernen Erzählung über das Seefahrerleben vorbei, lässt aber durch eine gehörige Portion Eigentlichkeitsjargon letztendlich offen, ob er es nicht wirklich so meint, ob die Seefahrt nicht trotz allen Klischees die letzte romantische Bastion des Mannes ist. Einige der Protagonisten werden wahnsinnig, sind am Ende halbtot und verbrannt, aber der junge Seemann Marlow erlebt dies alles als riesiges, aufregendes Abenteuer und als Privileg der Jugend, obwohl Kapitän und erster Offizier in ähnlicher Weise handeln.

Conrad will in dieser Erzählung offenbar einen Lobgesang auf die Jugend allgemein und auf seine eigene Jugend im Besonderen halten. Da sich bei ihm das Alter (Marlow, die erzählende Romanfigur und Conrads Alter Ego, ist offenbar 44) durch ein erloschenes Feuer, mangelnde Leidenschaft und Kraftlosigkeit äußert, stelle ich mir die Frage, wie das eigentlich ist, mit der Jugend. Ich bin altersmäßig genau in der Mitte zwischen dem älteren und dem jungen Marlow und wenn man die bessere medizinische Versorgung und Ernährung und die besseren Arbeitsbedingungen als reduzierenden Faktor hinzunimmt vielleicht näher am jungen Marlow als am Älteren.

Gegenüber meinen Erfahrungen als Zwanzigjähriger stellen sich mir alle erlebten Veränderungen als positiv dar. Natürlich hatte ich als Zwanzigjähriger mehr Energie, habe aber nur rumgehangen, gefeiert und Musik gesammelt und weiß nun genauer was ich eigentlich will, kann meine Identität schärfer eingrenzen und lebe nicht auf einem emotionalen Minenfeld. Die Besonderheiten meines Lebenslaufs (kein zweiter Offizier auf einem Handelsschiff, sondern Zivildienstleistender in Köln – keine Ostindien-, sondern niederländische Nordseeerfahrungen) geben mir offenbar weniger Anlass meine Jugend zu glorifizieren. Conrad lässt allerdings auch den einen oder anderen Zweifel an der Aufrichtigkeit der Erzählung durchschimmern, die lächerlich oft wiederholten Lobgesänge auf die Jugend wirken überspitzt und zuweilen bitter. Im Großen und Ganzen ist Jugend ein schöner Prolog auf den Roman Lord Jim, den ich leider schon vorher gelesen habe.