Shawn Austin – Extinguisher – Das erste Kapitel

Mär
19

In der Hoffnung durch den Druck der bloglesenden Peer-Group endlich wieder an meinem Jahrhundertroman weiterzuschreiben veröffentliche ich EXKLUSIV auf Readin’ & Bloggin’ die ersten Kapitel des atemporalen Romans Shawn Austin – Extinguisher, beginnend mit dem ersten Kapitel. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, gar mir selbst oder meinen Freunden, sind rein zufällig.

1. Kapitel: Mark’s Wrestling Bar

Felix beobachtete die Spiegelungen im Panoramafenster des U-Bahn-Wagons. Durch seinen verwirrten Kopf schossen lose assoziierte Gedankenfetzen. Warum prallen die Photonen nur von der Scheibe ab, wenn es dahinter dunkel ist? Warum gibt es überhaupt Fensterscheiben von so beträchtlicher Größe in einer U-Bahn, wo es doch die meiste Zeit rein gar nichts zu sehen gab? War Glas etwa billiger als das Blechmaterial aus dem der Rest der Wagons bestand? Oder steckte die Werbeindustrie dahinter, die sicherstellen wollte dass die Plakate an den Haltestellen auch von den Fahrgästen wahrgenommen wurden?

Im Fenster spiegelten sich die Gesichter der üblichen U-Bahn-Klientel. Blass-fahle Neongespenster, den Blick ins Unendliche fokussiert, die Mundwinkel mit verbissenen Lippen leicht nach unten gekräuselt. Menschen die wohl an ihr Leben nach der U-Bahnfahrt dachten, ein Leben das sie als glücklich antizipierten. Menschen taten dies ständig. Während sie ein Zwölftel ihres Tages in öffentlichen Verkehrsmitteln verbrachten, üblicherweise vier Zwölftel in ihrer Arbeitsstelle und mindestens drei Zwölftel mit schlafen, träumten sie davon was sie mit dem restlichen Drittel des Tages anstellen würden. Freilich ging von diesem Drittel noch die Zeit für das Besorgen und Einnehmen von Nahrung, die Körperpflege und die versuchte Anbahnung von Geschlechtsverkehr ab. Blieben im Idealfall noch vier Stunden um die Welt zu verändern.

„Der Sprung in einen kühlen See nach acht Stunden Arbeit gehört auf jeden Fall auf die Liste der Dinge die die Welt verändern können“, hatte Marek gesagt, als sie heute nach der Arbeit mit dem Auto zum See gefahren waren. Tamara aus der schicken Werbeagentur, Marek, ein Literaturwissenschaftler mit Wirtschaftsambitionen, und Felix der notorisch unerfolgreiche Freiberufler. Auf dem Weg zurück in die Stadt war das Gespräch der bereits alkoholisierten Männer auf das leidige Thema Politik gekommen. Felix vermied normalerweise solche Diskussionen da ihm das Meinungseinerlei der von den einschlägigen Infotainment-Sendungen gespeisten Realos gehörig auf den Sack ging. Wie hatte das Foucault genannt? Ach ja, Diskurs! Nun, dann war der Diskurs der meisten seiner Freunde und Kollegen die sich überhaupt für Politik interessierten klar abgesteckt: Erhaltung der Standortvorteile durch Opfergaben an die Wirtschaft, ein gesundes Misstrauen gegen im Lande arbeitende Ausländer gepaart mit einem dazu umgekehrt proportional hohem Interesse an deren „Kultur und Tradition“ und die wahnhafte Illusion durch Mülltrennung, atmosfair und Abschaffung der Atomkraft in 25 Jahren so etwas wie ein ökologisches Bewusstsein zu besitzen.

So hatte Marek auch diesmal tatsächlich argumentiert, man solle vor rechten und linken Gruppierungen auf der Hut sein, es sei eigentlich immer so, das die Extreme nicht gut für die Menschen seien. „Genau“, hatte Tamara begeistert entgegnet, „der Mittelweg ist eigentlich immer das Beste für alle!“ Spätestens hier hatte Felix auch diesmal das Interesse an der Diskussion verloren. Wie konnte es sein, dass überdurchschnittlich gebildete Menschen immer zu solchen Kindergarten-Hegelianern mutierten, als hätte es Marx, Nietzsche oder den ollen Adorno nie gegeben. Na klar! These und Antithese werden zur Synthese vereint, wobei der geschichtliche Zusammenhang natürlich berücksichtigt werden muss. In den Augen dieser Realos konnte man doch tatsächlich rechte Herrenmenschen- und Volksideologie, Hurra-Patriotismus und dumpfen Pathos aufrechnen gegen die Verbrechen Stalins, die chinesische Kulturrevolution und Pol Pot und heraus kam der demokratische Bundesstaat mit glücklichen Bürgern. Für Felix war das linke Denken immer sehr unscharf definiert gewesen. Ein Aufbegehren gegen verhärtete und unterdrückende Strukturen, eine Abneigung gegen Arbeitsethos und neoliberale Wachstumslogik.

„Am Rande jedes gesellschaftlichen Systems existieren Menschen die auf das Ende dieses Systems warten. Es sind autonome Subjekte die ohne die permanente Revolution nicht leben können. Ist ein System zerschmettert und wird durch ein neues abgelöst folgt nach einer kurzen Phase der Euphorie die alte Stagnation.“ Felix war ein solches Subjekt. Zumindest dachte er es in den wenigen Stunden des Tages, die er nicht damit zubrachte für TV-Produktionen oder Technologie-Riesen zu arbeiten. Adorno hatte mal sinngemäß geschrieben das jeder Vater seinen Sohn des Müßiggangs verdächtige und sich darauf verließe, dass das ‘wirkliche Leben’ mit dem Zwang zum Broterwerb ihm solcherlei Flausen austreiben würde.

Irgendwie schien es geknechteten Menschen eine diebische Freude zu bereiten andere Menschen ihrer Utopien zu berauben. Churchill musste ähnliches im Sinne gehabt haben als er sein berühmtes Bonmot verkündete, wer mit Zwanzig kein Sozialist sei habe kein Herz, wer es mit Dreißig aber immer noch sei habe kein Hirn. Er meinte wohl statt Hirn eher ein Faible für gute Zigarren, eine große Villa und Verwicklungen in diverse schmierige Geschäfte.

Die U-Bahn hielt heulend an der Station an der Felix aussteigen musste. In diese Gegend, ein Vergnügungsviertel welches einem zentralen Banken- und Versicherungsghetto vorgelagert war, verkehrte Felix nicht häufig. Heute aber hatte ausgerechnet Felix ausgerechnet von seinem Kreditinstitut einen „actiongelanden Allnighter“ in der Aktion „Junges Geschäftskonto“ gewonnen. Offenbar schien sich der PR-Berater des Kreditinstitutes weder körperlich noch geistig aus seiner AfterWork- und Caipirinha-Welt fortbewegen zu können und hatte in der branchenüblichen Arroganz beschlossen dass sich jeder junge Mensch auf jeden Fall und ausschließlich in diesem Mini-Las-Vegas amüsieren müsste. Auf dem Programm standen ein Wrestling-Adventure, ein All-You-Can-Drink-Ticket für alle Bars einer großen Kette und ein Fast-Food-Menü. Alles für EINE Person! „Dann bringen wir es mal hinter uns“, knurrte Felix und betrat die, natürlich mit sinnloser Apostrophierung versehene, Leuchtstoffröhrenhölle „Mark’s Wrestling Bar“.

Technik der Laserwaffen

Mär
12

Vor einiger Zeit händigte mir ein mit Alupapier umwickelter Mann mittleren Alters mit einem roten Blaulicht auf dem Kopf ein Flugblatt aus. Es war ‘Technik der Laserwaffen’ betitelt und enthielt ein paar Fotos mit Conrad Electronic-Ikonografie sowie eine Menge Text.

Der erste Satz lautet ‘Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen die im Körper hochfrequente Ströme hervorrufen’ wobei die banalen physikalischen Hardfacts des ersten Halbsatzes beinahe über die haarsträubende Behauptung des zweiten hinwegtäuschen. Aber nur beinahe. Das Ding landete ungelesen an der Pinnwand. Anlässlich der Einsendung von Found Footage an die Wiener KünstlerInnengruppe monochrom führte ich mir den Text jedoch nochmal zu Gemüte:

Zwar wirft der Autor physikalische Grundbegriffe wie Polarisation, Phase und Frequenz munter durcheinander, jedoch geht es ihm ja schliesslich auch darum eine neue Größe in die Physik einzuführen und wer wird da Erbsen zählen wollen. Mittels dem durch Polarisation phasenverschobenen Laserstrahls wir nämlich die Frequenz des Laser gegenüber einem zweiten Laser verschoben und ein Schwebung erzeugt. Diese Schwebung wiederrum kann in den menschlichen Körper Nervenimpulse übertragen.

Die Schwebung kann ‘nun mit einer Tonaufzeichnung auf Schallplatte gesteuert werden‘, verlässt der Autor den mangelhaften physikalischen Grundkurs in Richtung Verschwörungstheorie. ‘Auf diese Weise können Nervenimpulse übertragen, Stimmen eingespielt und Gehrinwäsche (sic!) durchgeführt werden‘.

Doch bleibt es nicht bei düsteren Drohungen. Die Waffe sei, so der Autor, benutzt worden um seinen Bruder Markus dazu zu bringen sich zu erhängen. Dieser hatte zuvor das Buch und den Film ‘Der Totalitäre Staat’ veröffentlicht und ist seit der Erteilung der ISBN-Nummer schwer gefoltert worden. Dies dürfte der funkieste Fall sein in den einen ISBN-Nummer jemals verwickelt war. Der Kasus macht mich neugierig, genauso wie der Umstand, dass der Autor des Flyers (zweites Foto unten rechts) ausgerechnet vor einem CDU-Stand fotografiert worden ist.

Mehr Infos bieten: totalitaer.de und der famose youtube-Channel.

The Revolution will be Downloadable!

Tag 3: Joseph Conrad – Jugend (p.42-55)

Okt
30

In alter Seemannsmanier bleibt die Mannschaft auf dem havarierten Schiff und versucht soviel wie möglich von der Ausrüstung des Schiffes zu retten – ‘zur Entlastung des Versicherers‘. Ich weiß nicht ob Conrad die Ehre gebührt als Erster die banale ökonomische Realität der Seeschifffahrt in einer Abenteuergeschiche erwähnt zu haben, aber aus diesem Fakt ein weiteres Abenteuer zu generieren, dies ist ziemlich sicher ein Beweis seiner Virtuosität. Dem Ich-Erzähler wird um ein Haar ein altes Barometer ‘mit einer absurden Menge von Schrauben befestigt‘ zum Verhängnis und der Kapitän ‘wollte ein altes Stück Kette und einen Treibanker mit ins Langboot nehmen. Wir sagten freundlich >Aye, aye, Sir<, und wenn er nicht hinsah, beförderten wir das Zeug über Bord.

Während die Mannschaft im Langboot alles zum Aufbruch klarmacht um dem brennenden Schiff zu entkommen legt sich der Kapitän an Deck auf einer Couch zum Schlafen nieder und die anderen halten ein Picknick mit Starkbier. ‘Die letzte Mahlzeit an Bord‘, anscheinend eine Cousine der Henkersmahlzeit. Auf Drängen des Ich-Erzählers erheben sich schliesslich alle schwerfällig aus der lebensgefährlichen Lethargie und drei Rettungsboote legen ab. Unter seinem Kommando befinden sich ‘eine Tüte Zwieback, ein paar Dosen Fleisch und ein kleines Fass Wasser‘ sowie zwei Männer. Weil der junge Mann aber sein erstes Kommando für sich allein haben will – ‘Jugend! Allmächtige Jugend! Alberne, bezaubernde, herrliche Jugend.‘ – nutzt er nicht nur einen schweren Regenschauer um den anderen davonzusegeln, sondern ignoriert auch noch die Mastspitzen eines rettenden Schiffs in Richtung Europa. Er schwelgt in Gedanken an das ‘wunderbare Bewusstsein der Stärke‘ und die ‘Glut im Herzen, die mit jedem Jahr schwächer glimmt‘, während seine kleine Mannschaft fast krepiert.

Das Schiff stösst schliesslich an eine Mole und der Ich-Erzähler hat zum ersten Mal in seinem Leben Ostindien erreicht. Drei Stunden später trifft das Boot des Kapitäns ein, dicht gefolgt vom dritten Boot. Es folgt noch eine Bonusepisode mit einem Dampferkapitän, die nicht sonderlich zum Gehalt der Erzählung beiträgt, sondern lediglich als eine Art dialektischer Puffer agiert, bevor der Ich-Erzähler zum ersten Mal den Osten bei Tag sieht und bestaunt: ‘den weiten Bogen der Bucht, den glitzernden Sand, die unendliche Vielfalt des üppigen Grüns, das Meer so blau wie das Meer unserer Träume, all die gespannten Gesichter, das Flirren der Farben‘.

So endet die Episode die Marlow den Männern am Mahagonitisch erzählt und dieser versetzt abschliessend: ‘Bei allem, was wunderbar ist – es ist die See, denke ich, die See selbst – oder ist es die Jugend allein? Wer kann das sagen? Ihr hier – ihr habt etwas vom Leben bekommen (…), aber sagt, war das nicht eure beste Zeit, die Zeit, als wir jung und auf See waren (…) ist es nicht das, dem ihr alle nachtrauert?

Joseph Conrad schrammt hier nur um einen Handbreit an einer postmodernen Erzählung über das Seefahrerleben vorbei, lässt aber durch eine gehörige Portion Eigentlichkeitsjargon letztendlich offen, ob er es nicht wirklich so meint, ob die Seefahrt nicht trotz allen Klischees die letzte romantische Bastion des Mannes ist. Einige der Protagonisten werden wahnsinnig, sind am Ende halbtot und verbrannt, aber der junge Seemann Marlow erlebt dies alles als riesiges, aufregendes Abenteuer und als Privileg der Jugend, obwohl Kapitän und erster Offizier in ähnlicher Weise handeln.

Conrad will in dieser Erzählung offenbar einen Lobgesang auf die Jugend allgemein und auf seine eigene Jugend im Besonderen halten. Da sich bei ihm das Alter (Marlow, die erzählende Romanfigur und Conrads Alter Ego, ist offenbar 44) durch ein erloschenes Feuer, mangelnde Leidenschaft und Kraftlosigkeit äußert, stelle ich mir die Frage, wie das eigentlich ist, mit der Jugend. Ich bin altersmäßig genau in der Mitte zwischen dem älteren und dem jungen Marlow und wenn man die bessere medizinische Versorgung und Ernährung und die besseren Arbeitsbedingungen als reduzierenden Faktor hinzunimmt vielleicht näher am jungen Marlow als am Älteren.

Gegenüber meinen Erfahrungen als Zwanzigjähriger stellen sich mir alle erlebten Veränderungen als positiv dar. Natürlich hatte ich als Zwanzigjähriger mehr Energie, habe aber nur rumgehangen, gefeiert und Musik gesammelt und weiß nun genauer was ich eigentlich will, kann meine Identität schärfer eingrenzen und lebe nicht auf einem emotionalen Minenfeld. Die Besonderheiten meines Lebenslaufs (kein zweiter Offizier auf einem Handelsschiff, sondern Zivildienstleistender in Köln – keine Ostindien-, sondern niederländische Nordseeerfahrungen) geben mir offenbar weniger Anlass meine Jugend zu glorifizieren. Conrad lässt allerdings auch den einen oder anderen Zweifel an der Aufrichtigkeit der Erzählung durchschimmern, die lächerlich oft wiederholten Lobgesänge auf die Jugend wirken überspitzt und zuweilen bitter. Im Großen und Ganzen ist Jugend ein schöner Prolog auf den Roman Lord Jim, den ich leider schon vorher gelesen habe.

Tag 2: Joseph Conrad – Jugend (p.30-42)

Okt
22

Kaum hat die Reise endlich angefangen, fängt die geladene Kohle per Selbstentzündung Feuer und die Besatzung versucht verzweifelt die im Inneren schwelende Glut zu löschen. Der geradezu lächerlich marode Zustand der Judaea verhindert jedoch den Erfolg dieser Aktion, was die Mannschaft in einen heiteren Fatalismus versetzt. Als der Brand dann nach zwei Tagen unvermittelt aufhört, schwelgt der Ich-Erzähler wieder in Lobliedern ob seiner Jugend. Dieses magische Wort wiederholt sich wieder und wieder im Text und man könnte den Eindruck bekommen Joseph Conrad habe später quasi aus Rache an der Vergänglichkeit der Jugend den Lord Jim so kläglich scheitern und ihm seine jugendliche Schwärmerei zum Verhängnis werden lassen.

Mitten in der Entspannung dann ‘Ein Unglück – Ein Vulkan, der unter uns ausbricht? – Kohlen, Gas! – Himmel! Wir fliegen in die Luft – Alle sind tot`. Mit geradezu slapstickartiger Präzision folgt in dieser Erzählung eine Katastrophe auf die andere, die Ladung explodiert aus einem mir unbekannten physikalischen Gesetz heraus und ‘Das Deck war ein einziges Chaos aus zersplittertem Holz‘. Dem Ich-Erzähler wird das Gesicht versengt und er tritt dem Kapitän entgegen, der sich im Schock um den Kajütstisch sorgt. ‘Lieber Himmel! Sehen Sie denn nicht, dass das Deck in die Luft geflogen ist?

Die Mannschaft ist desolat, manche ‘waren in Lumpen, so schwarz im Gesicht wie Kohlenschlepper, wie Schornsteinfeger, die Köpfe kugelrund, als wären sie kahlgeschoren, aber in Wirklichkeit waren sie bis auf die Haut abgesengt.‘ Das mutige Verhalten der Mannschaft, die unterbezahlt und mit wenig Hoffnung auf ihre Heuer ihre Arbeit fortsetzt, veranlasst Marlow zu einer überraschend Thilo Sarrazinesken Randnote: ‘Ich will nicht sagen, eine Mannschaft aus deutschen oder französischen Matrosen hätte so etwas nicht getan‘, aber ‘Es war eine Selbstlosigkeit, (…) ein Instinkt (…), etwas (…) das das Wesen einer Rasse ausmacht, den Unterschied zwischen Gut und Böse, etwas von der Kraft, die das Schicksal der Nationen bestimmt.‘ Hoffen wir, dass es sich hier nur um die heißblütigen Gedankenfragmente des jungen Marlow handelt.

Die nahe Rettung durch einen Dampfer wird vom Kapitän ausgeschlagen und der Ich-Erzähler freut sich über die Aussicht Ostindien als Kommandant eines Rettungsboots kennenzulernen. ‘Ach, der Glanz der Jugend! Was für ein Feuer! (…) seine Flammen springen kühn empor bis zum Firmament, doch schon bald werden sie vom Lauf der Zeit gelöscht (…)‘ Oha! Scheint, dass hier die erste Skepsis Marlows ob dieses verklärten Seeabenteuers auflodert.

Insgesamt lässt sich Marlow auf diesen Seiten zweimal Wein nachschenken, die Jugend wird dreimal abgefeiert und mir blieb unklar, wie man eine ‘Fockrahe vierkant‘ holt.

Tag 1: Joseph Conrad – Jugend

Okt
21

Auf litradio.net bin ich vor fast einem halben Jahr auf die Lesung von Jochen Schmidt aus seinem Buch Schmidt liest Proust gestossen, die mich sehr beeindruckt hat. Nicht etwa die Lesung selbst als vielmehr der von Schmidt konsequent praktizierte Gedanke des Leseblogs (Schmidt hat sich die knapp 4000 Seiten von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in 180 Tagen gegeben und darüber Blog geführt).

Ich will dieser mir bisher unbekannten Kulturtechnik aus diversen Gründen nun auch frönen und beginne – quasi als Fingerübung – mit der kurzen Erzählung Jugend von Joseph Conrad:

Gleich zu Beginn der Erzählung taucht eine Figur namens Marlow auf, die bereits in Conrads Roman Lord Jim als Erzählperson fungiert hat und deren Bericht dort rund 90 Prozent der Geschichte ausmacht. Conrad selbst beschreibt Marlow, der in Jugend zum ersten Mal auftaucht, als ‘ausgesprochen diskreten, verständnisvollen Mann‘, der sei ‘wie einer jener Urlaubsbekanntschaften, aus denen bisweilen Freundschaft wird‘ und fügt hinzu: ‘wenn wir am Ende einer Geschichte sind, bin ich mir nie sicher, ob ich ihn nicht zum letzten Mal gesehen habe.‘ Auch in Jugend fungiert Marlow als Erzählperson, die am Mahagonitisch bei Rotwein eine Reisechronik zum Besten gibt.

Relativ unsubtil und bescheiden wird gleich zu Beginn klar gemacht, dass die geschilderte Reise ‘als Sinnbild für unser ganzes Dasein stehen‘ könnte. Anders als der Marlow in Lord Jim scheint dieser hier noch an das grosse Abenteuer Seefahrt als verheissungsvolles Versprechen zu glauben. Wie schon im Lord Jim tragen manche Metaphern Conrads zur Erhellung (und Erheiterung) bei: ‘Ein Nussknackergesicht – Kinn und Nase wollten sich vor dem eingefallenen Munde treffen‘, andere lassen den – der Seefahrt unkundigen – Leser ratlos.

Schnell wird klar, dass Conrads Alter Ego Marlow hier aus seiner Jugend erzählt, von seiner Ostindienfahrt als Zweiter Offizier im Alter von zwanzig Jahren. Eine Beinahe-Havarie beschreibt der junge Marlow als ‘die Mühe, die Arbeit, die Prüfung des Lebens‘ und scheint allgemein mit der Gefahr des nahen Todes ganz zufrieden zu sein. Auch ein Klischee, was dem Marlow des Lord Jim nur als Erinnerung an bittere Irrtümer der Jugend von der Zunge ging.

Gleich auf den ersten zehn Seiten gibt es einen Schiffsunfall und ein Unwetter, welches einen Steward wahnsinnig macht und das Schiff zur Umkehr nach Falmouth zwingt. Welcher heutige Salonlöwe könnte eine Abendgesellschaft mit soviel selbsterlebter Action erfreuen? Nach fünfzehn Seiten landet die Judaea, so heisst das Schiff, schliesslich im Indischen Ozean und Marlow hat sich in der fiktiven Abendrunde bereits dreimal Wein nachschenken lassen…