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Tag 20 bis 22: Refugee Camp, Mezze, Sidon and Airport

Sep
23

Wie dünn die Oberfläche aus fetten Autos und Take Away Food ist, durfte ich schon am ersten Tag in Beirut erfahren. Beim improvisierten Frühstück in einem Hauseingang, mit meinen neuen Freunden Alejandro, Philipp, Stefanie und Linda, erwischte uns der Besitzer und anstatt sauer zu sein bot er uns an in das palästinensische Flüchtlingslager in Beirut zu fahren.

Ich war eigentlich auf dem Weg in ein Internet Cafe und so kam es, dass ich mit FlipFlops und meinem Laptop in der Tasche durch Sabra & Shatila lief, einem unfassbar ärmlichen Lager in dem 1982 das furchtbare Massaker der Phanlange-Milizen stattgefunden hat: Am Abend des 16. September drangen etwa 150 phalangistische Milizionäre in die Lager ein um zwischen 460-3300 Zivilisten, Kinder, Frauen und Alte zu töten und zu vergewaltigen. Besonders schrecklich ist die Erkenntnis, dass die israelische Militärführung zu dieser Zeit genaustens über die Vorgänge im Lager informiert gewesen sein soll…

In den Hauseingängen spielen Kinder mit ihren Post-Ramadan-Geschenken Strassenkampf, sowie sie es bei den Erwachsenen abgeschaut haben. Wir spazieren munter durch die Strassen, obwohl mir schon sehr mulmig ist bei der Sache. Wie Alejandro bemerkt, wären wir in einem vergleichbaren Viertel in Paris oder Madrid schon längst all unserer Habe beraubt worden.

Die Menschen haben hier nichts und leben von der Unterstützung des Roten Kreuzes und diverser Hilfsorganisationen. Während unseres Spaziergangs verfolgt uns ein Motorrad, wir wissen nicht ob es Neugier ist oder ob es sich um einen Beobachter der Hisbollah handelt.

Um die Kontraste der Stadt geradezu lächerlich stark zu betonen essen wir danach in einem Luxus-Restaurant für Libanesen, da wir es unserem neuen Freund John nicht abschlagen können. Er hat wegen uns den Lunch mit seiner Familie abgesagt und wir essen ein unfassbar ausführliches Menü mit Mezze (Babaganousch, French Fries, Hummus), dazu Arak (ein Anislikör vergleichbar mit Pastis) und libanesisches Bier. Dann gibt es Kabab, gefüllte Weinblätter und weitere undefinierbare Leckereien. Zum Dessert werden ein Caramelpudding mit Honig, türkischer Kaffee, mehrere Platten Obst und Minzlikör auf Eis gereicht, einzig die Nargileh können wir uns verkneifen und während die Sonne untergeht lädt John uns ein in seinem Appartement zu schlafen. Alejandro, Steffi und Philipp sagen nach langem hin-und-her zu und wir finden uns mit einer Pfeife frischem Libanesen in seinem Flat wieder.

Der Abend beginnt in einem Pub in Gemmayzeh, dem Partyviertel von Beirut und nach einer Flasche Vodka wollen ich und Linda uns auf den Weg ins Hotel machen. Linda stoppt aber in einer alternativen Bar namens Tequila und während ich mich mit einem jungen Rasta-Libanesen unterhalte, knutscht sie mit seinem Kumpel rum. Mein Gesprächspartner hat in sehr jungen Jahren seinen Vater verloren, sich zu Jah bekehrt und Schauspiel studiert. Er möchte nach Mailand auswandern und dort Schauspieler werden und seine Augen leuchten, während er von seiner neuen Liebe erzählt. Er hat 32 Stunden nicht geschlafen.

Ich bin absolut erstaunt wie unglaublich euphorisch und lebensfroh meine Gesprächspartner angesichts der unglaublich krassen Lage im Libanon sind. ‘Was sollen wir denn deiner Meinung nach sonst machen?’ fragt mich ein Palästinenser, der in der derzeitigen Situation keine Chance hat je ein Visum für ein anderes Land zu bekommen, geschweige denn einen qualifizierten Job im Libanon.

Nach diesem Tag brauchen wir eine Pause. Linda fährt zurück nach Damascus und wir restlichen Vier chillen in meinem Hotel und gucken Predator.

Der letzte Tag ist einem Ausflug nach Sidon (Saida) im Süden Libanons gewidmet. Hier gibt es das gefährlichste Flüchtlingscamp im Libanon, in dem Alejandro unbedingt fotografieren möchte. Wir gehen in das Sea Castle, einer von den Mamluken halbzerstörten Tempelritterfestung. Dort macht Alejandro Kontakte mit einigen Palästinensern, die ihn ins Lager bringen können. Meinen Segen hat er, er ist unerschrocken, aber ich muss mich zurück nach Beirut machen, wo ich diese Zeilen vier Stunden vor Abflug in mein Netbook hacke und den Trip nochmal Revue passieren lasse…

Tag 16 bis 19: Damascus Undercover and Beirut Upscale

Sep
21

Was ist nicht alles über Damascus (Ash-Shams) – eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt, gelegen in der Ghouta Oase und in der Nähe der Seidenstrasse – gesagt und geschrieben worden. Mohammed soll bei einem Blick auf die Stadt den Eintritt verweigert haben, da er das Paradies erst nach seinem Tode betreten wolle und Mark Twain wurde zu den folgenden Zeilen hingerissen:

Damascus has seen all that has ever occurred on earth, and still she lives. She has looked upon the dry bones of a thousand empires, and will see the tombs of a thousand more before she dies. Though another claims the name, old Damascus is by right, the Eternal City.’

Ägytpter, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Umayyaden, Mongolen, Türken und Franzosen haben der Stadt jahrtausendelang ihre Stempel aufgedrückt. Im Souq Saroujah, wo die meisten Backpacker Hotels gelegen sind, spüre ich zunächst nicht viel von dem Charme. Laut, schmutzig, overcrowded wie die meisten Großstädte im Mittleren Osten und umsäumt von riesigen halbfertigen Bauruinen bahnen wir uns unseren Weg um ein Zimmer zu finden. Das Zimmer das ich schliesslich bekomme ist nur durch die Fenster zugänglich, was der Hotelier völlig OK findet. Mit gemeinsamen Kräften reparieren wir das Schloss und danach fühle ich mich wenigstens einigermaßen sicher.

In der Neustadt bekommen Bert und ich ‘American Style Pizza’ und das ist für den Moment voellig OK, eine Nargileh und ein Glas Tee versöhnen uns dann auch fürs Erste mit der Stadt, die uns nach der langen Wüstenbusfahrt mit beknackten arabischen Filmkomödien in voller Lautstärke erstmal ziemlich angenervt hatte.

Der Mittwoch gehört der ersten Erkundung der Altstadt und hier offenbart sich auch schnell der wahre Charme der Stadt. Der Souq Al-Hamidiyya ist einer der grossen orientalischen Einkaufstrassen und hier werden Wasserpfeifen, Schleier, Gewürze und Gebäck neben regelrechter Nutten-Lingerie, Dolce&Gabbana-Shirts und blinkenden Wackelhunden verkauft. Ab und zu rennt ein blinder Bettler, der Taschentuecher feilbietet, direkt auf mich zu und starrt mich mit leeren Augen an.

Weiter zum Christian Quarter wo die Architektur mediterran-französisch wird und der Staub sich etwas legt. Per SMS kündigt sich Aby für den Abend an und nachdem Bert und ich in FlipFlops in einem arabischen Post-Ramadan Edelrestaurant gegessen haben, in dem man uns wie Könige behandelt hat, treffen wir Aby in ihrer Off-Pension.

Der Besitzer ist ein Haschisch rauchender Sonderling, der mir eine fantastische Geschichte über politische Gefangenschaft, den syrischen Geheimdienst, Foltererfahrung und sein angebliches Interview mit Nasrallah erzählt. Ich neige dazu ihm ungefähr 50 Prozent zu glauben, eine nette Deutsche die er einige Wochen vorher kennengelernt hat, glaubt ihm offenbar mehr, den sie wollen demnächst heiraten.

Wenn Syrer das Gespräch auf Politik, Hizbollah und die Regierung bringen, wartet man am Besten ab, hört zu und hält sich möglichst zurück mit seinen Kommentaren, denn es kann immer sein, dass man ein Mitglied der Geheimpolizei vor sich sitzen hat und ganz abgesehen davon kann man sich als Tourist sowieso kein wirkliches Bild von der Lage machen.

Was in Damascus wirklich passiert, wenn man kurzzeitig Gast ist, ist etwas ganz anderes. Die zu Zweit oder allein reisenden Europäer, Amerikaner und Australier besinnen sich auf ihre postkolonialistischen Pflichten und finden plötzlich eine Menge Gemeinsamkeiten angesichts der sich schon sprachlich manifestierenden Barriere zu dem Syrern. Noch nie habe ich mit Engländern, Portugiesen, Belgiern, Polen, Niederländern und Australiern gleichzeitig an einem Tisch gesessen und soviel Spass gehabt wie an zwei Abenden in den Hinterhöfen von Damascus.

Der Staub und die Hitze, sowie die Tatsache dass es bis 19 Uhr abends praktisch nichts zu essen gibt, machen die Tage lazy und entspannt, wir trinken türkischen Kaffee in der Altstadt, besichtigen den Azem Palace und das Nationalmuseum, handeln und spassen mit den Händlern in den Souqs und atmen die würzig-süssen Gerüche der Stadt.

Gestern sind wir dann alle auseinandergestoben, Aby ist nach Lattakia gefahren, Bert nach Amman in Jordanien und die beiden Polen mit zwei Flaschen Smirnoff Gin im Gepäck zum Flughafen. Ich bestieg einen Bus nach Beirut und nach langen Grenzformalitäten betrete ich eine neue Welt. Libanon ist voll von phatten Autos: SUVs, Toyota Landcruiser, Dodge und Hummer, überall riesige Werbetafeln, alle hängen an ihren Handys und telefonieren und der erste MCDonalds nach acht Tagen taucht auf.

Beirut sieht aus wie Miami Beach, aufgepumpte Muskelboys und poshy Girls tummeln sich in den Strassen, zwischen zerschossenen Hotelfassaden reiht sich eine Fastfood-Kette an die nächste, die Hotelpreise sind wieder europäisch und ich teile mit mit ein paar neuen Bekannten zwei Hotelzimmer. Waehrend wir an der Corniche sitzen und ein paar Bier trinken, fällt alle paar Minuten einmal der Strom aus und die gesamte Skyline mit Neon-Blinke-Palmen und den Logos der multinationalen Konzerne erlischt kurz und erinnert mich daran, dass diese hyperkommerzielle Sorglosigkeit eine von Kriegen und politische Morden geschüttelte Wirklichkeit kaschiert, die jederzeit wieder an die Oberfläche schlüpfen kann.